Die Rückkehr des Minenkriegs

von Björn Müller (Facebook / Twitter). Er ist Journalist in Berlin mit dem Schwerpunkt Sicherheits- und Geopolitik. Dieser Artikel basiert auf dem Manuskript der NDR-Sendung “Streitkräfte und Strategien” vom 30.12.2017 — der dazugehörige Podcast befindet sich hier.

Lange galten Landminen bei modernen Armeen als Kampfmittel von gestern – gerade noch gut genug für die Kriegsführung von Dritte-Welt-Staaten. Doch der Konflikt mit Russland macht sie für das Militär des Westens wieder zur Waffe der Wahl.

Warnschild in einem Minenfeld in der Nähe der bosnischen Stadt Srebrenica.

Warnschild in einem Minenfeld in der Nähe der bosnischen Stadt Srebrenica.

Litauen 2026 – Drohnen der Bundeswehr-Pioniere surren über eine Ebene und platzieren Minen. Die Zeit drängt, denn die Angriffskolonnen russischer Panzer kommen rasch näher. Es sind Tausende. Minenfelder sollen die Stahllawine auffangen. Die Szene stammt aus der aktuellen Bundeswehr-Denkschrift “Wie kämpfen Landstreitkräfte künftig?” Deren Überlegungen beschreiben einen Trend, der sich bei westlichen Militärmächten abzeichnet: Die lang verfemte Waffe Landmine steht vor einer Renaissance.

Einst waren Minen eine essenzielle Waffe für westliche Armeen; vor allem auch für die Bundeswehr, als Frontarmee zum Warschauer Pakt. Minenfelder sollten helfen, im Fall eines Angriffs der UdSSR, deren Panzerlegionen zum Stehen zu bringen. Minen hatten aus Sicht der NATO einen defensiven Charakter. Noch heute hat die Bundeswehr aus dieser Zeit mehr als 55’000 Panzerabwehrminen gelagert. Doch nach dem Kalten Krieg wurden Interventionseinsätze in schwache Staaten zur dominanten Form westlicher Kriegsführung. Hier boten Minen kaum einen Mehrwert. Sie verschwanden aus den Konzepten der Militärplaner.

In der öffentlichen Wahrnehmung wurden Minen zudem ein Symbol besonders heimtückischer Kriegsführung, weil sie meist nicht zu erkennen sind. Gerade Dritte-Welt-Staaten setzten dieses Kriegsmittel in den 1990er Jahren weiter umfangreich ein. Das Problem: Auch nach Ende eines bewaffneten Konflikts blieben Minen gefährlich. Denn in der Regel wurden sie nicht geräumt. Minen-Splitterladungen töteten und verstümmelten daher tausende Zivilisten. Die 1999 in Kraft getretene Ottawa-Konvention über ein Verbot von Anti-Personen-Minen gilt daher bis heute als Meilenstein des humanitären Völkerrechts.

Doch inzwischen setzen westliche Armeen wieder verstärkt auf die Minen-Waffe. Der NATO-Russland-Konflikt seit Moskaus Annexion der Krim ist dafür entscheidend. Gerade die osteuropäischen NATO-Mitglieder fürchten folgendes Szenario: In der ersten Phase wird durch Desinformationskampagnen und Propaganda die Bevölkerung verunsichert. In der zweiten Phase greift dann Russland massiv mit seinen Streitkräften ein. Minenfelder, so die Überlegung der NATO-Militärplaner, wären dann bestens geeignet, um gegnerische Truppen zu stoppen und abzunutzen.

Die Wahrnehmung in Polen ist, dass die Ottawa-Konvention ein Relikt aus einer vergangenen Epoche der Geschichte ist. Die polnischen Streitkräfte sind sehr unglücklich mit der Ottawa-Konvention, weil sie ihre Landminen, womöglich einige Millionen, zerstören mussten. — Marek Swierczynski.

“Polens Militärs sind sehr unglücklich über die Beschränkungen der Ottawa-Konvention” so Marek Swierczynski, Wehrexperte des Beratungsunternehmens Polityka Insight in Warschau, im Gespräch. Die Ottawa-Konvention verbietet klassische Anti-Personen-Minen. Jene Typen richten sich nur gegen Menschen und werden “opferausgelöst”, wie es im Militärsprech heißt. Das bedeutet: Die Mine wird beispielsweise gezündet, indem jemand auf sie tritt, egal ob Soldat oder Zivilist. Zudem dürfen Minen laut der Konvention keinen Räumschutz haben, also keinen versteckten Auslösemechanismus. Solche dienen dazu, ein Räumen von Minenfelder durch den Gegner zu erschweren. Ottawa-Unterzeichner Polen erklärte Ende November 2016, seine gesamten Bestände an solchen Anti-Personen-Minen vernichtet zu haben.

Aber bei erlaubten Minen-Typen, rüstet Polen bereits wieder auf. Beim einheimischen Unternehmen Belma wurden im Mai 2017 unter anderem 300 Küstenminen gegen Landungsboote geordert sowie Anti-Panzerminen. Im Fokus der Polen: Die Ost-Grenze zu Weißrussland. Die dortige weite Ebene hat nur lichte Wälder und wenige Flussläufe, die Bewegungen mechanisierter Einheiten kanalisieren. Mit einem massiven Panzervorstoß von dort könnte Russlands Armee in wenigen Tagen Warschau erreichen.

Polens Streitkräfte hätten zudem gerne eine Million Stück einer standardisierten “NATO-Anti-Invasionsmine”. So lautete im vergangenen Jahr die Forderung der polnischen Delegation bei einer Fachtagung der NATO-Pioniere beim Military Engineering Centre of Excellence der Allianz in Ingolstadt. Details hierzu sind in der Öffentlichkeit bisher nicht bekannt.

Crowdsweeper ist eine Drohne, die ein Gebiet aus der Luft aus absuchen und jede mögliche Mine markieren kann. Sie sucht dazu mit ihrem eingebauten Metalldetektor nach Metallobjekten. Wenn das Gebiet markiert ist, kann ein Spezialist das Gelände betreten, um die Minen zu entschärfen. Ausserdem nimmt Crowdsweeper alle gesammelten Daten auf und speichert sie. Damit wird die Suche nach Minen nicht nur schneller, sondern auch sicherer.

Crowdsweeper ist eine Drohne, die ein Gebiet aus der Luft aus absuchen und jede mögliche Mine markieren kann. Sie sucht dazu mit ihrem eingebauten Metalldetektor nach Metallobjekten. Wenn das Gebiet markiert ist, kann ein Spezialist das Gelände betreten, um die Minen zu entschärfen. Ausserdem nimmt Crowdsweeper alle gesammelten Daten auf und speichert sie. Damit wird die Suche nach Minen nicht nur schneller, sondern auch sicherer.

In der NATO und mit Partner-Ländern wird inzwischen rege über Minenkonzepte diskutiert. Dazu äußern will sich das Bündnis auf Anfrage nicht. Zudem gibt es bereits erste Kooperationen mit Nicht-NATO-Ländern. So wollen die Niederlande und Finnland gemeinsam für ihre alten Landminen moderne Zünder entwickeln. Ziel sind Sprengkörper, die sich beliebig aktivieren und deaktivieren lassen.

Gerade Finnland widmet sich intensiv der Entwicklung neuer Minen. Das Land hat eine über 1’000 Kilometer lange Grenze zu Russland. Ein endloses Flachland, mit kaum natürlichen Hindernissen, das es zu sichern gilt. Deshalb blieb die Minenkriegsführung für den Ottawa-Unterzeichner Finland auch nach dem Kalten Krieg wichtig. Während Deutschlands Wehrfirmen das Marktsegment Landminen seit den 1990er Jahren aufgaben, produzieren sie finnische Unternehmen wie Forcit bis heute.

“Es ist immer sinnvoll, innovativ zu bleiben, um unsere Kampffähigkeiten an Land zu verbessern. Mit der Industrie testen unsere Streitkräfte gerade ein neues Minenmodell”, so Jouko Tuloislea vom Material-Ressort des finnischen Verteidigungsministeriums. Die neue Mine soll Infanterie besonders effektiv bekämpfen, indem sie aufsteigt und ihre Splitterladung von oben auf den Feind streut. Das Ottawa-Verbot für Anti-Personen-Minen würde die neue Mine nicht verletzten, sind die Finnen sicher. Der entscheidende Punkt aus ihrer Sicht. Die Neuentwicklung werde nicht “opferausgelöst”; über ihre Zündung entscheide ein “Man in the loop”. Das heißt, ein Soldat überwacht die Minen. Per Fernzündung jagt er sie erst in die Luft, wenn er feindliche Truppen verifizieren kann.

In diese Richtung wollen auch die deutschen Streitkräfte. Zurzeit prüft das Planungsamt der Bundeswehr das so genannte “System mit der Fähigkeit zum Hemmen und Kanalisieren von Bewegungen”. Jenes wünscht sich das deutsche Heer. Wesentlicher Teil davon wäre eine Mine neuer Generation. Jene ließe sich, in der Sprengwirkung skalierbar, aus der Ferne zünden. Das heißt beispielsweise, einen Panzer ganz zu zerstören oder nur anzusprengen, sodass er liegen bleibt und nachrückende Einheiten blockiert. Ein so genannter “Sperrverantwortlicher” würde die Minen mit Sensoren wie Drohnen aus der Distanz kontrollieren und in gewünschter Stärke auslösen. Damit könnten “gegnerische Fahrzeuge oder/und abgesessene Schützen bekämpft werden”, so das Heer auf Anfrage.

Minenverlegesystem 85 an der Informationslehrübung Landoperationen 2017 der Deutschen Bundeswehr (Foto: Florian Gärtner/photothek).

Minenverlegesystem 85 an der Informationslehrübung Landoperationen 2017 der Deutschen Bundeswehr (Foto: Florian Gärtner/photothek).

Auch wenn die neue Mine gezielt wieder Soldaten töten soll, wäre sie wohl konform mit der Ottawa-Konvention, die Deutschland unterzeichnet hat. “So ein System, wenn wirklich so konzipiert, dass ein Mensch die Entscheidung trifft, ob die Waffe aktiviert wird oder nicht, ist konform mit der Konvention”, so die Einschätzung von Thomas Küchenmeister, ehemals Leiter des Aktionsbündnisses Landmine.de, das sich für eine Verbot von Anti-Personen-Minen eingesetzt hat.

In der Tat verbietet die Ottawa-Konvention explizit nur Minen, die automatisch auslösen; ferngezündete Minen erfasst sie nicht. Diese Lücke nutzen Staaten zur Rüstung mit neuen Minen-Typen. Für die heutigen technischen Möglichkeiten ist das Vertragswerk von 1999 nicht mehr zeitgemäß. Ernsthafte Bemühungen aus der Politik, die Konvention anzupassen, gibt es bisher nicht.

Ginge es nach den deutschen Militärs, hätten sie die neuen Minen samt Sensoren und Kontrolleinheit gerne bis 2025. “Ein solches System ist aber auf dem Weltmarkt nicht verfügbar und müsste entwickelt werden”, so ein Sprecher des Heeres. Was Minen für die Bundeswehr wieder interessant macht: Der verstärkte Einsatz dieser günstigen Massen-Kriegstechnik könnte die schmale Kampfkraft der deutschen Streitkräfte entlasten. Laut Bundeswehr-Denkschrift “Wie kämpfen Landstreitkräfte künftig?” ist die “fehlende Masse” an Soldaten Hauptsorge der Heeresplaner, wenn es gegen einen Gegner wie Russland ins Feld ginge. In Kampfszenarien mit einer solchen Militärmacht können innerhalb von Minuten ganze Bataillone – das heißt Hunderte von Mann – ausradiert werden.

Der Einstieg der Bundeswehr in die moderne Minenkriegsführung ist aber noch ungewiss. Absegnen müsste ihn schlussendlich die Politik. Dort dürfte das sensible Thema einer neuen Minenkriegsführung noch zu Debatten führen – Ausgang ungewiss. Erst einmal muss sich die Bundeswehr mit kleinen Brötchen begnügen. In ihren Depots hat die Truppe noch Exemplare des Minenverlegesystems 85 (MVS85), benannt nach seinem Einführungsjahr 1985. Die bringt die Bundeswehr zurzeit auf Vordermann, um überhaupt wieder den Minenkrieg trainieren zu können. Bis Ende letzten Jahres wurden 4 der MVS85 reaktiviert. Gemäss Thomas Wiegold stehen zwei davon im Ausbildungszentrum Pioniere in Ingolstadt und zwei weitere beim Panzerpionierbataillon 130 in Minden. Die Reaktivierung weiterer Systeme sei geplant, aber auch ein Nachfolgsystem bis 2025. (Thomas Wiegold, “Wieder da: Mörser und Minenleger“, Augen geradeaus!, 01.11.2017)

• • •

Info-Box: Die Richtladung 96 der Schweizer Armee
Teilweise noch eingeführt vor der Armee 61, verfügte die Schweiz bis 1989 über ein ganzes Arsenal von Minen, wie beispielsweise die Leichtmine 49, die Panzerabwehrmine 53, die Tretmine 59 sowie die Springmine 63 und 64, welche allesamt ausgemustert wurden. Mit der Steigerung der Beweglichkeit der Truppe verloren diese Minen zunehmend an Bedeutung für die Schweizer Armee. Geblieben sind noch die Panzermine 60 (ab 2002 ausgemustert), die Panzerabwehrmine 88 und die Horizontalsplittermine 90, bei welcher jedoch die Auslösung mittels Stolperdraht verboten wurde und zur Richtladung 96 (leicht/schwer) umbenannt wurde (siehe Bild rechts).

Bis Ende 1997 wurden die 3 Millionen Personenminen der Schweizer Armee vernichtet. Gleichzeitig hat die Schweiz die Ottawa-Konvention unterschrieben und als einer der ersten Staaten ratifiziert. Entgegen der Pressemitteilung des Eidgenössisches Militärdepartements hat die Schweizer Regierung und die Behörden bei den internationalen Anstrengungen für das Verbot von Personenminen jedoch nicht jene führende Rolle eingenommen, welche ihrer humanitären Tradition und ihrer Rolle als Depositarstaat der Genfer Konventionen entsprochen hätte (Martin Dahinten, “Die Schweiz und die Ächtung der Personenminen“, Bulletin 2003 zur schweizerischen Sicherheitspolitik, Forschungsstelle für Sicherheitspolitik der ETH Zürich, S. 105-27).

• • •

This entry was posted in Armed Forces, Björn Müller, International, International law, Security Policy, Switzerland, Technology.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This blog is kept spam free by WP-SpamFree.